Große Spannung vor knappem Aus: Impressionen vom WM-Viertelfinale in der russischen Provinz

Die russische Kleinstadt Tula, etwa 200 Kilometer südlich von Moskau, ist eigentlich für ihre traditionsreiche Samowar- und Lebkuchen-Produktion bekannt. Als die russische Sbornaja am Samstag im WM-Viertelfinale in Sotschi dem kroatischen Nationalteam gegenüber treten sollte, hatte die Stadt gar den Innenhof des altehrwürdigen Kreml fürs große Public Viewing hergegeben. Zwischen Mariä-Entschlafens- und ehemaliger Erscheinungskathedrale sammelten sich denn auch Tausende gespannte Fußballfans.

Und wer vom Erfolg der Sbornaja so überrascht wurde, dass er noch gar nicht zum Fußball-Anfeuern ausgerüstet ist, der kommt eben auch in Montur der russischen Eishockey-Stars zum Mitfiebern. Oder eben mit dem Präsidenten...

Mit dem ersten Tor der russischen Mannschaft lockert sich die Stimmung, bei den Treffern der Kroaten herrscht betretenes Schweigen. Beim Ausgleichstreffer für die Gastgeber tanzt der ganze Kremlhof.

Auf eine nervöse Nachspielzeit folgt einmal mehr ein noch aufregenderes Elfmeter-Schießen. Junge Frauen kreischen, breitschultrige Männer falten die Hände zum Gebet. Aber es hilft alles nichts: Kroatien gewinnt. Damit ist Russland raus. Der Tulaer Kreml in wenigen Minuten wie leergefegt. Auf den Straßen der Kleinstadt tönt es dennoch noch die ganze Nacht hindurch: „Rossija!“ Immerhin Viertelfinale! Und wacker geschlagen! Die Fans sind trotzdem stolz auf ihre neuen Helden. Und mancherorts erklingen im Wechsel „Kalinka“ und „Katjuscha“. Was ist neu? Russland ist jetzt eben auch ein richtiges Fußballland.