Stimmen aus Belarus

Seit August 2020 – Geschichten von LGBT+ Personen aus Belarus 

Im September 2021 veröffentlichte das ukrainische Journal Krytyka Feministitschna (Feminist Critique: East European Journal of Feminist and Queer Studies) sieben Geschichten von Angehörigen der LGBTQ*-Community in Belarus. In den sehr unterschiedlichen Texten schildern die anonymen Interviewten ihre Wahrnehmung der Wahlen, der Proteste und der Zeit danach. "Stimmen aus Belarus" hat die Texte übersetzt und veröffentlichen sie im Verlauf des Oktobers einzeln, in umgekehrter Reihenfolge.

 

Sechste Geschichte: „Und wenn du ‚einer von denen‘ bist – davon sprich am besten überhaupt nie im Leben.“

"(...) Wenn du in einer Stadt mit 100.000 Einwohnern lebst, braun bist und orientalische Gesichtszüge hast, und alle mehr oder weniger sozial aktiven Leute rechtsradikal sind, musst du irgendwie überleben. Zuerst verinnerlichst du die Homophobie. Du verstehst, dass du zwar lange nicht straight bist, aber du lernst das zu hassen und es durch diesen Hass maximal zu verstecken. Wenn es in deiner Familie bei jeder beliebigen Erwähnung der LGBT-Community heißt „Päderasten muss man verbrennen und erschießen“, wenn du jahrelang dazu getrieben wirst, dich selbst zu hassen, dann beginnst du das am Ende zu tun. Ich schloss mich einer faschistischen Bewegung an und war so wenigstens nicht ständig dieser Gewalt ausgesetzt. Man kannte mich, ich konnte ein paar Namen nennen, darum wurde ich teilweise in Ruhe gelassen. All das lief auf rassistischer Grundlage und natürlich wusste niemand, dass ich queer bin, sonst hätte ich alle meine Privilegien komplett verloren. Du wirst verdächtigt, man schaut auf dich herab, du wirst nicht gemocht, aber immerhin auch nicht geschlagen. So in etwa funktioniert das.

Als ich nach Minsk zog, gab es bereits eine Online-Szene, und diese entpuppte sich ehrlich gesagt als noch viel schlimmer als die Szene außerhalb des Internets. Versteckt hinter der Maske der Anonymität kann man online schreckliche Dinge tun, andere mobben und bis zum Selbstmord treiben, ganze Kampagnen brutalster Erniedrigung von Menschen fahren. An eine solche Kampagne erinnere ich mich: Ein Mädchen mit einer Behinderung wurde dafür fertiggemacht, dass sie Beiträge feministischer Portale teilte. Sie versuchte sich umzubringen, beim zweiten Versuch gelang es. Das war wie ein Schlag ins Gesicht. Ich hatte gedacht, wir würden uns für irgendeine „Stärke der Nation“ einsetzen, dass wir da wären, um solche Fälle zu verhindern. Doch dann stellte sich heraus, dass wir das Böse sind, das die Menschheit daran hindert, sich normal zu entwickeln. Ich sagte mir: Nein, ich muss hier raus. Damit begann ein langer Prozess, mich aus dieser Scheiße herauszulösen. Jetzt bin ich hier. (...)"

Siebte Geschichte: „LGBTQ waren von Anfang an dabei!“

"(...) Was weiß ich über (Un-)Sichtbarkeit? Als Belarus:in. Als LGBT+ Person. Als nichtbinäre Person in Belarus.

Bis zum August 2020 überlagerten und entsprachen sich meine Erfahrung als Belarus:in und als LGBT+ Person. Ich spürte meine Unsichtbarkeit als queere Person innerhalb der heteronormativen Welt ebenso, wie auch Belarus immer unsichtbar war für die Außenwelt. Und meine Zugehörigkeit musste ich immer wieder mit vielen Wörtern und alternativen Bezeichnungen erklären. „Where are you from?“ – „From Belarus.“ – „?“ – „It’s between Russia and Poland.“ Und plötzlich spürte ich mit jeder Zelle meines Körpers, wie das ist, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, wenn alle Blicke auf dich gerichtet sind. Belarus wurde ein Teil der internationalen Berichterstattung. Die übermäßige Gewalt machte uns sichtbar und stellte uns auf die Weltkarte. Warum aber erwies sich diese neue und lang ersehnte Erfahrung, Sichtbarkeit zu erleben, als so schwer zu verarbeiten? Vielleicht, weil ich „mit jeder Zelle meines Körpers“ gleichzeitig das Gegenteil spürte: dass es für mich hier keinen Platz gibt, dass ich nicht da bin. Das war das gleichzeitige Erleben von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. (...)"

"Muss ich erwähnen, dass wir jetzt vor Ruinen stehen? Eigentlich ist Ruinen ein zu weicher Begriff."

Rückblickend auf ein Jahr Proteste gegen die gefälschten Wahlen in Belarus befragte Darya Amelkovich für die Onlineplattform „Reformation“ zum 09. August 2021 einige Kulturschaffende, Künstler:innen und Wissenschaftler:innen nach ihren Perspektiven auf das letzte Jahr. Unter dem Titel „Ein Jahr älter“ („На год старше“) wurden ihre Antworten an drei Tagen auf reform.by veröffentlicht. Unter den Befragten waren der Schauspieler und Musiker Denis Tarassenko, der bildende Künstler Sergej Grinewitsch, die Lyrikerin und Schriftstellerin Hanna Komar, der Dramaturg und Regisseur Dmitri Bogoslawaski, die Lyrikerin Julia Tsimafejewa, der Historiker Aleksey Bratochkin, der Regisseur Aliaksei Paluyan, die Philosophin Olga Shparaga sowie der Regisseur und Schauspieler Roman Podoljako. Wir haben einige von ihnen für „Stimmen aus Belarus“ übersetzt. Heute: der Regisseur Dmitri Bogoslawski

SOFT POWER – die Kraft fremder Worte im Postfach

Während eine Welle von Razzien durch NGOs und Vereine zieht, weiter Menschenrechtler:innen und Journalist:innen verhaftet werden, verbreiten sich in Minsk handgeschriebene, anonyme Briefe.

Tatiana Shchyttsova, Professorin der Europäischen Humanistischen Universität in Vilnius/Minsk, hat den Inhalt jener Schreiben über ihre Facebook-Seite geteilt. (...)

„Sei gegrüßt, Belaruse!

Ich schreibe Dir diesen Brief, die Adresse wählte ich zufällig. Ich weiß nicht, wer Du bist, wie alt Du bist, ob Du ein Mann bist oder eine Frau, was Du arbeitest und was Dich beunruhigt. Aber Du lebst hier mit uns in Belarus, und das bedeutet – schon fast ein ganzes Jahr kämpfen wir dafür, unsere eigenen Stimmen zurückzubekommen. Du und wir haben viel erlebt: Unterschriftensammlungen, Solidaritätsketten, Demonstrationen, den Albtraum vom 9. bis 12. August, die inspirierenden Tage nach jener Hölle. Man schlug uns, bestrafte uns, sperrte uns ein und verfolgte uns. Wir erlebten Freude und Angst. Aber wir inspirierten einander, was da auch komme.

Eines hat sich seitdem nicht geändert: Du und ich wir sind noch hier. Wir gaben uns nicht zufrieden und gaben nicht auf. Wir – sind die Einzigen, die etwas verändern können. (...)"

"Mama ist eine Geisel"

Jewgenija Tschernjawskaja schreibt über das Verschwinden ihrer Mutter Julia Tschernjawskaja, Kulturwissenschaftlerin und Witwe des Gründers von TUT.by. Der Geschäftsmann und Blogger Jurij Zisser hatte das Nachrichtenportal im Jahr 2000 gestartet. Er starb am 17. Mai 2020 an Magenkrebs. Die Tochter Jewgenija Tschernjawskaja hatte von 2009 bis 2015 bei TUT.BY als PR-Managerin gearbeitet. Derzeit studiert sie an einer Business School in Herzliya/Israel.

Am 18.05 wurde ihre Mutter parallel zu Durchsuchungen im Zentralbüro des belarusischen Medienportals TUT.BY und in Privatwohnungen von Journalist:innen, festgenommen. Weder die Familie noch die Anwälte haben irgendwelche Informationen darüber, wo sich Julia Tschernjawskaja aktuell befindet und wie ihr gesundheitlicher Zustand derzeit ist. In einem Facebook-Post berichtet die Tochter über diese Situation: „Für mich ist offensichtlich, dass die Sicherheitsbehörden meine Mutter benutzen, um TUT.BY unter Druck zu setzen.“

Seit Beginn des Präsidentschaftswahlkampfes in Belarus 2020 sind mehr als 1.800 Strafverfahren gegen Teilnehmende an Wahlkampfveranstaltungen und friedlich Protestierende eingeleitet worden.

Mit Stand vom 23. Februar 2021 gelten aktuell mindestens 250 Menschen in Belarus als politische Gefangene. 33 von ihnen sind Frauen – Menschenrechtsaktivistinnen, Musikerinnen, Professorinnen, Studentinnen, Journalistinnen und andere. Heute kann in Belarus jede zur politischen Gefangenen werden, allein schon dafür, dass sie ihre Meinung sagt.

Sieben Frauen, die sich aus politischen Gründen in Haft befinden, stellen wir hier vor: Marfa Rabkowa, Alana Gebremariam, Xenija Luzkina, Kazjaryna Andrejewa und Darja Tschulzowa, Jana Arabejka, Maryja Kalesnikawa

Download
#WomenPowerOfBelarus - Zum Internationalen Frauentag 2021
Kampagne für Solidarität mit poli+sch verfolgten und inha<ierten Frauen in Belarus
080321_Frauentagskampagne-deu_Koordinier
Adobe Acrobat Dokument 10.1 MB

"Ich fühlte mich wie ein Deserteur – auf seltsame Weise kam ich frei, aber die anderen sind noch dort."

Anfang April war die belarusische Menschenrechtlerin Tatjana Hazura-Jaworskaja festgenommen worden, nach zehn Tagen kam sie ohne Anklage frei. Jedoch wurde Hazura-Jaworskajas Mann, der ukrainische Menschenrechtsaktivist Wladimir Jaworskij, Medienberichten zufolge gezwungen, mit dem gemeinsamen kleinen Kind das Land zu verlassen (mit Einreisesperre für zehn Jahre). Andernfalls, so hieß es, würde er verhaftet und das Kind ins Heim gegeben werden. Nach ihrer Entlassung berichtet Hazura-Jaworskaja von den Frauen, mit denen sie gemeinsam in einer Zelle saß.

"Das Gefühl, dass alles Normale gerade unangebracht ist"

Die Massenproteste in Belarus sind vorbei, seit Beginn des Winters gab es keine großen Aktionen mehr. Die Strafverfolgungsbehörden haben begonnen, oppositionell gesinnte Bürger:innen und Journalist: innen, die die Ereignisse dokumentieren, noch aktiver zu verfolgen. Belarussische Fotograf:innen werden gezwungen, die Straßen oder gar das Land zu verlassen oder ihre Arbeiten unter Pseudonym zu veröffentlichen. Viele von ihnen fühlen sich jetzt machtlos. Das Internetportal Meduza hat 13 belarussische Dokumentarfotograf:innen gebeten, zu erzählen, wie sie diese Monate erlebt haben und eine Aufnahme aus dieser Zeit zu teilen. Wir veröffentlichen einige von ihnen.

 

Aleksandr Senkowitsch

"Die Ereignisse 2020 haben mich sehr stark verändert. Ich fotografiere gern Straßenbilder, aber nach den „Wahlen“ musste ich mich gezwungenermaßen als Fotoreporter profilieren und fotografiere die Geschehnisse auf den Straßen. Für diese Frechheit saß ich zweimal mehrere Tage ein, wo ich geschlagen und auf alle mögliche Arten erniedrigt wurde. So wie eigentlich alle. Mit Ausbruch der Kälte und dem Abflauen der Proteste hörte ich praktisch auf, die Nachrichten zu verfolgen. Das ist keine Depression und keine Schwermut – im Gegenteil, ich schaue optimistisch in die Zukunft und bin absolut von unserem Sieg überzeugt. Das ist eher so eine emotionale Erschöpfung. Es ist schwer, sich so lange zu ärgern, dann zu freuen, dann Angst zu haben und am Ende wieder wütend zu werden. (...)"

 

Maxim 

"Im Oktober beendete ich meine Dokumentation der Proteste. Es gab keine Massenaktionen mehr, die ein mehr oder weniger sicheres Arbeiten auf der Straße ermöglichten. Man begann, Kameraleute und Journalisten zu jagen. Ich wollte mich wieder meinen persönlichen Fotoprojekten zuwenden, die auch die Situation in Belarus aufgreifen sollten, aber daraus wurde nichts: Die ausbrechenden Repressionen und Kraftlosigkeit erstickten alle Energie. Darum suchte ich nach Wegen zur Ablenkung und sicherer Distanz zur Realität. (...)"

 

Irina Arachowskaja

„Am 11. August arbeitete ich an einem sicheren Ort – da waren keine Barrikaden, kein Widerstand, da standen einfach Menschen mit Flaggen –, als unerwartet mehrere Minibusse vorfuhren, Leute in Masken und mit Waffen heraussprangen und begannen zu schießen. (...) Viele Opfer der Gewalt, die die Sicherheitskräfte angezeigt hatten, galten zunächst auch als Zeugen, aber nach der Befragung wurden sie zu Beschuldigten.“

Eine Minsker Mutter erzählt über die Verhaftung ihres 14-jährigen Sohnes, festgenommen beim Einkaufen

Am 27. März, einem Samstag, an dem das Lukaschenka-Regime neue Proteste in der Hauptstadt erwartete, ging der Minsker Schüler Iwan Askerko auf Bitten seiner Eltern in ein Geschäft, um eine Bestellung abzuholen. Als er den Laden verließ, ergriffen ihn Unbekannte in Zivil und brachten ihn zu einem Kleinbus, in dem OMON-Kräfte saßen. Auf dem Weg in die Bezirksverwaltung des Moskowskij-Rajon (RUWD) kam es zu Schikanen und Gewaltanwendung. Eine Sonderkommission soll am 15. April über den Fall entscheiden.

Was der Jugendliche während und nach seiner Festnahme erlebte, schilderten seine Mutter Natalja und sein Trainer Aleksej Chodnewitsch.

Seit vier Monaten sitzt die TUT.by-Journalistin Katerina Borisewitsch (Kaciaryna Barysievič) in Minsk in Untersuchungshaft. Ihr und dem Arzt Artjom Sorokin wird vorgeworfen, widerrechtlich die Patientenakte von Raman Bandarenka veröffentlicht zu haben, der im vergangenen Jahr nach seiner Festnahme starb. Ein Urteil ist noch nicht bekannt, Öffentlichkeit und Journalisten wurden gleich bei Prozessbeginn von der Verhandlung ausgeschlossen. Einen Tag vor Verhandlungsbeginn am 19. Februar 2021 publizierte TUT.by ein Interview mit Katerina Borisewitsch und später ihre Briefe aus der U-Haft. Wir fassen beide Beiträge in gekürzter Form zusammen, die Briefauszüge tragen Daten.

*Update - Urteil am 2. März: sechs Monate für die Journalistin Katerina Borisewitsch (U-Haft wird angerechnet), zwei Jahre für den Arzt Artjom Sorokin (mit einem Jahr Aufschub) plus Geldstrafen für beide. Kein Arbeitsverbot.*

Aleg Grableŭski ist Jurist der belarusischen NGO „Büro für Rechte von Menschen mit Behinderung“ in Minsk. Als Vertreter der Kontrollbehörden ihn festnehmen und zu Aussagen über Dritte zwingen wollen, kontert er klug und kreativ. Auf seiner Facebook-Seite schildert er seine Erlebnisse in der Abteilung 1 der Finanzermittlung des Staatlichen Kontrollkomitees am 2. Februar. Am Ende sind seine Gegenüber so verblüfft, dass sie den vorlauten Gast offenbar nur noch schnell loswerden wollen… Doch am nächsten Tag wird Aleg Grableŭski festgenommen und befindet sich seit dem in Haft. Die belarusische Menschenrechtsorganisation Wjasna hat am 5.02. den Juristen Aleg Grableŭski und den Vorsitzenden der NGO Sjargeij Drazdouskij, der seit dem Tag unter Hausarrest steht, als politische Gefangene anerkannt. Die geschilderten Erlebnisse vom 2. Februar werden so zu einem Prolog und zeigen schon da, wie wenig die Methoden der Behörden mit Recht und Gesetz zu tun haben.

Im Vorfeld der Allbelarusischen Volksversammlung geht der belarusische Staat repressiv gegen eigene Funktionäre vor. Gerichtsverfahren werden zur Farce. Entführungen sind an der Tagesordnung in einer der angeblich „sichersten Hauptstädte Europas“. Warum sie sich für ihr Land von der bevorstehenden Versammlung nicht mehr verspricht, als dass es heißt, es müsse sich nichts ändern, beschrieb die Minsker Autorin Jewgenija Pasternak am 4. Februar auf Facebook.

Minsk-Protokolle

Am Institut für Geschichtswissenschaften der Nationalen Akademie der Wissenschaften verloren zum 31. Dezember 2020 zwölf HistorikerInnen ihre Arbeit. Sieben wurden die Verträge nicht verlängert, fünf haben aus Solidarität selbst gekündigt. Vertreter des Instituts erklären, es handle sich um einen normalen Vorgang, weil 2021 ein neues Großprojekt beginnt, für das die Arbeit der HistorikerInnen nicht benötigt werde.

Felix Ackermann und Diana Siebert haben den Betroffenen für Stimmen aus Belarus fünf Fragen gestellt, um ihnen das Wort zu geben. Die entstandenen zehn „Minsk-Protokolle“ veröffentlichen wir mit freundlicher Unterstützung von N-Ost.

Alle Protokolle als PDF: https://www.dropbox.com/.../jhj.../Minsk%20Protokolle.pdf...

Minsk Protokolle No. 2: Dr. Vasil Varonin

Minsk-Protokoll No. 7: Dr. Siarhej Rybčonak

Minsk-Protokoll No. 11: Andrej Matsuk