Das Protest-Jahr 2020 in der Doppelstadt Frankfurt Oder Słubice

2020 ist ein verrücktest Jahr (gewesen). Gut, dass es zu Ende geht. Gut,  noch einmal zurückzuschauen. Für unsere Doppelstadt Frankfurt Oder Słubice war es ein demonstrations- und protestreiches Jahr. Verschiedene Themen und Anlässe brachten Menschen auf beiden Seiten der Oder immer wieder auf die Straße.

 

Die Corona-Krise hat nahezu alle unsere liebgewonnenen Gewohnheiten und wertvollen Privilegien umgeworfen. Allein den Gedanken an eine erneute Grenzschließung hätte ich mir vor einem Jahr nicht vorstellen können. Das Wort Freiheit hat plötzlich so unterschiedliche Lesarten bekommen: Die individuellen Freiheiten der Mobilität, der Selbstbestimmung, der Entscheidungsgewalt stehen der Freiheit der gesundheitlichen Unversehrtheit, der Sicherheit und der Verantwortung gegenüber. Gleichzeitig erstarken rechtspopulistische Regierungen und rechtsextreme Bewegungen, die einerseits individuelle Selbstbestimmungrechte einschränken wollen (Abtreibung und LGBTIQ-Rechte), andererseits aber auch die Corona-Maßnahmen der Regierungen angreifen, weil jene ihre Freiheiten begrenzen (Kontaktsperren, Maskenpflicht). Die Krise wirft Staaten wie Menschen wieder auf sich selbst zurück.

Und bei uns in der Doppelstadt Frankfurt Oder Słubice? Hier ist zum Jahresende die Grenze für den alltäglichen Schlenderverkehr wieder zu. Zum zweiten Mal in diesem irren Jahr.  Und auch hier müssen wir alle miteinander aushandeln, welcher Freiheitsbegriff wann Priorität haben soll. Und auf welche Freiheiten wir in bestimmten Krisen verzichten können lernen müssen. Und welche Einschränkungen nicht eben mal so nebenbei beschlossen werden können: Grenzschließung und -öffnung während des ersten Lockdowns im Frühjahr bringen Verwirrung und Existenzängste. Die totale Verschärfung des Abtreibungsgesetzes in Polen lässt Polinnen über den Oderfluss und gen Berlin blicken - nach semi-legalen Auswegen. Ein grenzüberschreitendes Organisationsteam stellte die erste deutsch-polnische Słubice Frankfurt Pride auf die Beine. Kurz vor Jahresende kamen "Querdenker" aus Stuttgart und Duisburg mit einem Demo-Aufruf in die Doppelstadt. Dazwischen lagen einige kleinere Aktionen. Die Menschen hier haben konkrete Forderungen. Und sie artikulieren sie.

Es ist ein wichtiges demokratisches Mittel für den Verhandlungsprozess über unsere Freiheiten - das Demonstrieren. Und selbst die strengsten Infektionsschutzauflagen wagen es nicht, dieses Grundrecht zu verweigern. Und so erlebten Frankfurt Oder Słubice in diesem Jahr ihre meisten, größten, intensivsten und umstrittensten Protestaktionen. 

Hier eine Auswahl:

8. März | Feministische Frauentagsdemo (50 Teilnehmende)

3. Mai & 20. September | Fridays for Future (150 Teilnehmende)

29. März, 31. Mai | Critical Mass für Radfahrende (50 Teilnehmende) 

24. April & 7. Mai | Proteste gegen Corona-Grenzschließung (50-100 Teilnehmende)

12./13. Juni | Grenzöffnung (50 Teilnehmende)

1. September | Deutsch-Polnischer Friedensmarsch 

5. September | Frankfurt Słubice Pride (1000 Teilnehmende)

25. September | Critical Mass & Klima-Streik (50 Teilnehmende)

26. & 30. Oktober | Frauenstreik gegen Abtreibungsverbot in Polen (500 - 800 Teilnehmende)

28. November | Anti-Corona-Demo der „Querdenker“ (1000 Teilnehmende) / „Maskenball“-Gegendemo (150 Teilnehmende)

... plus kleiner Kundgebungen von Einzelpersonen ...

Ich habe einige begleitet, vor allem jene Demonstrationen, die auf beiden Seiten der Doppelstadt entstanden: die Proteste rund um die erste Grenzschließung im Frühjahr sowie deren Öffnung im Juni, die Pride (die ich mit organisierte) und die Frauenstreiks #strajkkobiet in Słubice, die auch Gruppen aus Frankfurt unterstützen, sowie den „Maskenball“ gegen den „Querdenken“-Umzug. 

Was ich gesehen habe: 

1. Im Corona-Jahr 2020 waren öffentliche Protestaktionen die oft einzigen erlaubten Großveranstaltungen, was ihre Attraktivität sicher verstärkte.

2. Die Proteste wurden teils sehr emotional, weil ihre Anliegen grundlegende Freiheiten aller Menschen und jeder einzelnen Person von uns betreffen. Ob in der Liebe (Pride), der Entscheidungsgewalt über den eigenen Körper (Frauenstreiks) oder der Bewegungsfreiheit (rund um Corona-Einschränkungen). Die Anliegen waren sehr konkret.

 

3. Spaltung und Polarisierung sind keine guten Tendenzen für unsere Doppelstadt mitten in Europa. Und die gemeinsame Organisation verläuft nicht immer unkompliziert. Bedürfnisse und Schwerpunkte unterscheiden und verändern sich an den zwei Oder-Ufern einzeln stark und schnell. 

... Nun bin ich unheimlich gespannt auf 2021, mein drittes Jahr hier.