In der Zone der Helfenden

W strefie Pomagających | In the Helper's Zone

Eröffnung am 15. Dezember 2021 – im Rahmen eines Themenabends mit Demo und Podiumsgespräch
Eröffnung am 15. Dezember 2021 – im Rahmen eines Themenabends mit Demo und Podiumsgespräch

UNTERWEGS MIT BRANDENBURGER SPENDENTRANSPORT INS POLNISCH-BELARUSISCHE GRENZGEBIET

Foto-Reportage-Ausstellung: draussen auf dem Brückenplatz|Plac Mostowy in FRankfurt (ODer)

Ende November fällt in Ostpolen der erste Schnee. In der Nacht sinken die Temperaturen unter Null. Und alle wissen: Dort im Wald ringen Tausende ums Durchkommen, Durchhalten, Überleben. Dort – hinter den Checkpoints, wo Militär und Grenzschutz nach Schleusern und„Illegalen“ suchen. Dort – wo nur Uniformierte und Anwohner hin dürfen.

 

Dort im Wald sitzen junge, oft ausgebildete Menschen aus Krisengebieten in Syrien, Afghanistan und dem Irak fest, Einzelne kom- men aus dem Sudan und Kongo. Viele Familien sind dabei. Sie sind dem Lockruf des belarusischen Diktators Lukaschenko gefolgt, der im Sommer mit Sonderflügen aus dem Irak eine weniger gefährlich wirkende Landroute nach Europa eröffnete. Mit dem Flieger für viel Geld nach Minsk, dann mit belarusischen Einheiten zur Grenze. Dort treiben die Uniformierten die Menschen dann in den Grenzzaun, hetzen Hunde auf sie, nehmen Handys und Verpflegung ab. Lukaschenko will die EU erpressen, Sanktionen loswerden und von der Krise im eigenen Land ablenken.

 

Wenn die Menschen doch die Grenze überwinden, sind sie „illegal eingereist“. Nach polnischem Recht eine Straftat. Dann beginnt das Versteckspiel im Dickicht. Wenn Grenzschutz oder Armee sie finden, werden sie meist wieder nach Belarus gebracht. Und das Treiben beginnt von vorn. Polen hat hier – mit Unterstützung anderer EU-Staaten – die eigentlich verbotenen Pushbacks offiziell zur Strategie erhoben. Dafür gilt seit September für einen drei Kilometer breiten Streifen entlang der Grenze auf polnischer Seite: kein Zutritt für Helfende, Rechtsbeistand oder gar Presse. Was dort passiert, soll die Welt nicht sehen.

 

Dass auch Kinder frierend und hungernd durch den Wald irren, können viele Leute vor Ort nicht ertragen und leisten humanitäre Hilfe. Anwohner:innen innerhalb und nahe der Sperrzone bringen Essen, Trinken, warme Sachen, Schlafsäcke, Powerbanks in den Wald. Sie pinnen Notrufnummern an Bäume und leisten Erste Hilfe. Der Vorsteher der Muslimischen Gemeinde in Bohoniki hilft, auch die Freiwillige Feuerwehr Michałowo. Das Polnische Rote Kreuz (PCK) in Białystok sammelt Spenden wie die vom Brückenplatz, die der Verein „Wir packen’s an“ mit nach Ostpolen brachte. Der Chefarzt des Kreiskrankenhauses in Hajnówka berichtet von immer schwereren Fällen, die meist am Abend eingeliefert werden. Manche Personen seien schon mehrmals in seinem Haus behandelt worden. Der Grenzschutz überwacht das Krankenhaus.

Geöffnet: immer, auf dem  Brückenplatz | Plac Mostowy (Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Straße 11A, 15230 Frankfurt (Oder))
Geöffnet: immer, auf dem Brückenplatz | Plac Mostowy (Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Straße 11A, 15230 Frankfurt (Oder))

 

Staatliche Einrichtungen müssen„Illegale“ den Behörden melden. NGO-Netzwerke wie Grupa Granica oder Stiftung Ocalenie tun dies nur, wenn die Personen in Polen Asyl beantragen wollen. Viele aber haben Verwandtschaft im Westen der EU. Oder sie wissen, dass ein Asylantrag in Polen wenig Chancen auf Erfolg hat. Dann müssen sie das Land durchqueren, ohne aufgegriffen zu werden. Das aber ist angesichts des riesigen Aufgebots an Uniformierten schwierig: Mehr als 15.000 Soldaten der Polnischen Armee, dazu Grenz- schutz, Polizei, Freiwillige der „Armee zur Territorialverteidigung“, sogar Förster sind eingespannt, um „die Grenze zu verteidigen“.

 

Nach drei Monaten humanitärer Notlage sind die Helfenden erschöpft. Sie haben Menschen gerettet und viele Interviews gegeben, dennoch fehlt eine Perspektive für eine politische Lösung. Die Strapazen und Sorgen über die Zukunft sind den Helfenden anzu- sehen. Die Freiwillige und Unternehmerin Anka sagt: „Das alles ist schon historisch, es gibt schon Gräber mit Toten aus dem Wald, die Ereignisse haben schon ein Denkmal.“ Koordinatorin Agata Ferenc von der Stiftung Ocalenie sagt: „Das ist erst der Anfang, das ist unsere Zukunft!“ Und Natalia Gebert von Grupa Granica in Warschau sagt: „Wenn jetzt im Winter noch mehr Menschen an die Grenze kommen, wird das ein großes Sterben!“

 

Reportage-Reise: Nancy Waldmann (Märkische Oderzeitung) & Peggy Lohse (Fotos, Publik-Forum, jádu)